Soziale Nähe und das wahre Social Distancing


Nicht alles, was auf den ersten Blick wie ein hippes, modernes Wort klingt, erfüllt den intendierten Ausdruck. Social Distancing drückt nicht nur objektiv etwas Falsches aus. Es sendet - und das ist noch viel schlimmer - falsche Signale.



Wie kam es zum Begriff Social Distancing?


Wir alle wissen, mit der Corona-Krise wurde innerhalb weniger Tage klar, dass wir in nächster Zeit auf Körperkontakt verzichten müssen. Als Vorsichtsmaßnahme, um das Gesundheitssystem, bei einem möglichen sehr rasanten Anstieg an Corona-Infizierten, von denen ein signifikanter Anteil Krankenhausbetten auf den Intensivstationen benötigt, nicht zu überlasten.


Rasch wurde eine breite Palette an sinnvollen und notwendigen Maßnahmen gesetzt. Um die Wichtigkeit zu unterstreichen schuf man dabei das Wort “Social Distancing”. Man will und wollte damit ausdrücken, das wir uns körperlich nicht Nahe kommen sollen. Es sollte verdeutlichen, dass wir uns nicht Umarmen sollen, uns nicht die Hände geben, und generell nicht physisch treffen.



Was drückt Social Distancing wirklich aus?


Was Social Distancing allerdings objektiv und im Wortkern wirklich ausdrückt, ist auf Deutsch: Die soziale Distanz oder soziale Distanzierung. Es würde bedeuten, dass wir in komplette Isolation gehen sollen. Nicht nur körperlich. Sondern auch, was den sozialen Austausch betrifft. Wir dürften also z.b. keine online Video-Calls machen. Keine Whatsapp-Texte und keine E-Mails verschicken. Nicht mehr miteinander telefonieren. Und wenn wir, trotz einem Meter Abstand, beim Einkaufen an der Kasse zahlen, dann dürften wir in der Kommunikation mit der Kassierin, nicht lächeln. Denn dadurch würden wir die soziale Distanzierung durchbrechen. Der Begriff ist also objektiv für die Corona-Situation falsch gewählt, und verstärkt obendrein durch sein Framing und seine originäre Bedeutung, einen Effekt, den wir nicht wollen.



Was passiert wirklich?


Was wirklich passiert, ist, dass Österreich in weiten Teilen im Moment so weit zusammengerückt ist, wie schon seit langem nicht mehr. Ich glaube es gibt wenige, die zu Lebzeiten ein derartiges Miteinander in der Gesellschaft wahrgenommen haben, wie wir es in einer großen Zahl von Bereichen sehen und spüren. Was wir also wirklich erleben, ist das Gegenteil von Social Distancing. Was wir erleben, ist soziale Nähe.


Jüngere helfen älteren Menschen beim Einkaufen, damit sich diese keinem unnötigen gesundheitlichen Risiko aussetzen müssen. Um 18 Uhr wird immer wieder von den Balkonen und aus den Fenstern musiziert und applaudiert. Die inoffizielle Nationalhymne “I am from Austria” von Rainhard Fendrich wurde im öffentlichen Raum gespielt. Da sind für viele von uns ungewohnte Gänsehautmomente dabei. Österreich hat sich in vielen Bereichen noch selten so verbunden und gemeinsam gefühlt und gespürt!



Historische Bezüge und soziale Nähe im kollektiven Bewusstsein


Nach der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts und den daraus entstandenen Wunden, die subtil mitunter noch immer nachwirken, sind das wohltuende Momente für die oftmals gebeutelte österreichische Seele. Trotz aller Tragik, trotz all dem Leid, von dem wir hoffentlich in den nächsten Wochen verschont bleiben: Vielleicht könnten Momente wie diese, zu solchen werden, wie sie Deutschland 2006 bei deren Heim-Fussball-Weltmeisterschaft erlebt hat. Momente, die eine neue Form und Intensität des Miteinander schaffen. Vieler dieser Applaus- und Musizieraktionen sind zwar zu einem großen Teil von Selbstinszenierung getragen. Aber soll es doch so sein. Insgesamt ist es weit weg von Social Distancing. Die gelebte, gemeinsame Verbundenheit drückt wesentlich mehr soziale Nähe aus, als wir das als Gesellschaft vor Corona praktizierten. Da wir soziale Wesen sind, und diese Ader in den letzten Jahrzehnten in manchen Bereichen zu kurz kam, sehen wir derzeit mehr davon als vor Corona üblich - mit nachhaltiger positiver Wirkung im kollektiven Bewusstsein unserer Gesellschaft.



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Das wahre Social Distancing: Lücken im System sorgen für unnötige Traumata


Aber Vorsicht! Es lauern auch Gefahren. Ein gutes Sozialsystem, das unserem gesellschaftlichen Anspruch und Entwicklungsgrad gerecht wird, zeichnet sich dadurch aus, dass niemand vergessen wird. Das ist umso wichtiger, als dass mit den Ausgangsbeschränkungen einschneidende Grundrechte auf Eis gelegt wurden. Besonders tragisch wird es, wenn die Möglichkeit der Berufsausübung betroffen ist.

Wenn Menschen durch die Maßnahmen des Staates beruflich, und somit finanziell, betroffen sind, dann ist dieser in einem Sozialstaat geradezu dazu verpflichtet, jeden und jede Einzelne aufzufangen. Im Moment gelingt das beispielsweise im Bereich der Selbständigen noch nicht. Hatte beispielsweise ein EPU ein schlechtes letztes Geschäftsjahr, und musste in dieser Zeit zurückgelegte Reserven aufbrauchen, so gerät es nun vielleicht ins Prekariat, weil die Bemessungsgrundlage für die Hilfen, die sich über das Einkommen des Vorjahres definiert, niedrig ist. Im Gegensatz zu Unselbständigen sind die Einkommen von Selbständigen oftmals sehr volatil - auch von einem Jahr in das nächste. Das führt bei den jetztigen Maßnahmen mitunter zu massiven Verzerrungen. Wenn man also an dieses Modell angelehnt vorgehen möchte, dann ist eine Orientierung an den tatsächlichen Lebenskosten, und somit den Ausgaben, sinnvoll und logisch, da sie in realistischerer Weise das langfristig durchschnittliche Einkommen pro Monat eines Selbständigen wiederspiegeln.

Wie wir die Situation lösen, und wie wir die noch existenten Lücken schließen, ist letztlich nicht so wichtig. Zentral ist, dass alle versorgt sind, damit keine unnötigen Traumata entstehen. Es wird allgemein unterschätzt, wie lange derartige Wunden individuell und kollektiv mitgetragen werden. Keine Traumata auszulösen ist immer wichtig. Wenn es um die Grundversorgung in einem an sich wohlhabenden Staat geht, ist das aber noch elementarer.



Fortschrittliche und vollständige Lösung: Bedingungsloses Grundeinkommen


Abschließend noch ein fortschrittlicher Lösungsansatz. Am wahrscheinlich einfachsten ist in der jetzigen Situation die Einführung eines Bedinungslosen Grundeinkommens. Bezüglich Bedingungsloses Grundeinkommen war vor Corona das Gegenargument, dass es nicht leistbar ist. Derzeit wird von den Staaten aber -bedingungslos- der Geldhahn aufgedreht. Das wird auch so kommuniziert. “Koste es, was es wolle”, waren dabei Aussagen, und manche Länder sprechen von Billionen (1 Billion entspricht 1.000 Milliarden), die sie in die Hand nehmen. Die ursprüngliche Finanzierungsfrage ist demnach obsolet. Obendrein gibt es als Bonus, neben der Sicherheit, dass in diesen besonderen Zeiten niemand vergessen wird, bei dieser Zugangsweise eine sehr niedrige Bürokratie. Das nimmt weiteren Druck und Sorgen aus der Gesellschaft, als Eigenschaften, die in Ausnahmesituationen, wie der jetzigen, kollektiv und individuell entlastend wirken.



Zusammengefasst geht es im Interesse einer gesunden Gesellschaft um die Abdeckung der Grundbedürfnisse aller und um gesellschaftliche Stabilität. Auf tieferliegender Ebene um Traumata, die aufgerissen werden, wenn wir Leute zurücklassen. Eine funktionierende, gesunde Gesellschaft denkt langfristig, und beugt dem vor. Mit echter sozialer Nähe statt Social Distancing schaffen wir das.