Filmrezension Systemsprenger

Die deutsche Nominierung für den Auslandsoscar geht unter die Haut. Die 9-jährige Benni stößt mit ihrer geballten Energie an die Grenzen des Systems. Dabei ist sie eigentlich nur auf der Suche Geborgenheit. Auf der Suche nach einer Heimat. Nicht nur die Mutter, das ganze System ist überfordert. Als Systemsprenger wird sie von einer Wohngruppe zur nächsten gereicht, und kann in diesem Teufelskreis nie ankommen. Eine besondere Bezugsperson findet sie in Schulbegleiter Mischa, der alternative Zugänge wählt. Aber wird auch er irgendwann am Ende seiner Möglichkeiten stehen?

Der erste Spielfilm von Regisseurin und Drehbuchautorin Nora Fingscheidt besticht durch unglaubliche Authentizität, und bietet damit etwas, das in der heutigen Welt oft versprochen, aber zumeist nicht gehalten wird. In dieser Echtheit wird dazu ein blinder Fleck der Gesellschaft aufgegriffen, der sonst im allgemeinen Diskurs wenig bis keine Beachtung findet. Systemsprenger knallt somit in seiner Realitätsnähe noch stärker auf den Zuseher und die Zuseherin.

Und gleichzeitig stellt sich im größeren Kontext die Frage: Wo gibt es sie noch, diese Systemsprenger? In welchen Lebensbereichen? Was zeigen sie uns auf, und was können wir, in einer dynamischen Welt, dessen Systeme immer öfter Adaptierungen und neue Zugangsweisen braucht, tun, um der Zeit gerecht zu werden? Und was können wir vielleicht sogar von ihnen lernen?

 

Die Rezension ist im November 2019 in der Ausgabe 24 des evolve-Magazins abgedruckt.