Die Sommergespräche 2020 der Nationalratsparteien in der Analyse

Ich beziehe mich hier auf die Sommergespräche im öffentlich rechtlichen Fernsehen bzw. der TV-Thek, zu denen die Nationalratsparteien eingeladen waren. Jeden Monat im August war der/die jeweilige Parteivorsitzende für rund 50 Minuten bei Simone Stribl zu Gast. Direkt darauf gab es jeweils eine erste Analyse in der ZIB2 und ausführlichere Sommernachgespräche auf ORF III, auf die ich ebenfalls eingehe. Die Reihenfolge entspricht der der Ausstrahlung, und diese orientiert sich wiederum am Verhältnis der Klubgrößen in aufsteigender Richtung.



Beate Meinl-Reisinger, Neos

Meinl-Reisinger war sachlich-fachlich gut, aber man spürt, dass sie zu weit von der Lebensrealität der Menschen weg ist. Sie sprach in Bezug auf Corona oft davon, dass man "wieder" zurück dahin solle, wo man bisher war. Aber die Menschen wollen nicht zurück zum Alten. Sie wollen zu neuen Lösugen. Als Partei mit innovativem Anspruch müsste in Umbruchszeiten mehr kommen. Irritierend wirkte zudem, als sie versuchte, über Ganzheitlichkeit zu sprechen. Walk und Talk sind bei ihr zwei verschiedene Dinge. Zu Recht erkennen die Bürger und Bürgerinnen bei ihr, dass der eigene Anspruch, dass man für so vieles die Lösungen hätte, und der Wirklichkeit, nämlich, dass das nicht der Fall ist, weil auch die Neos im Tunnelblick festestecken, zwei verschiedene Paar Schuhe sind. In den Neos steckt zu viel selbstgefühltes Elitentum. Veit Dengler als zugehöriger Parteiexperte meinte in den Sommernachgesprächen, Beate wäre empathisch gewesen. Bei dieser Einschätzung kann man sich nur auf den Kopf greifen, und die Falscheinschätzungen dieser Art sind auch der Grund, warum die Neos weiterhin ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden können, und ihren selbstdefinierten Erwartungen hinterherhinken. Der maximale obere Plafond der Neos als Kleinpartei liegt nicht sehr viel über dem, wo sie in den Umfragewerten liegen. Angesichts des Entwicklungspotentials aus den Anfangszeiten rund um 2013, ist das schade für sie. Und als jemand der sie damals unterstützt hat, tut es mir sogar leid für sie, aber der Weg ist selbstgewählt. Nicht zuletzt, weil man auf die von Dengler erwähnten Tiefenstrukturen, und den zugehörigen Aufbau, insbesondere auf Bundesländerebene, sträflich vernachlässigt hat. In Anbetracht dessen, dass Gründer Matthias Strolz vor seiner Politiker-Karriere Organisationsentwickler war, ist das mehr als beachtenswert.



Werner Kogler, Grüne

Kogler steckt mit seiner Partei in einem Dilemma, und er kommt trotzdem gut weg, weil er die Grünwähler authentisch anspricht. Nachdem man 2017 aus dem Nationalrat hinausgeflogen war, und sich fast gänzlich personell neu aufstellte, fehlt seinen Leuten die Erfahrung, die es brauchen würde, zudem in Verbindung damit, dass man 2020 zwei Mal ins kalter Wasser springen musste. Zuerst mit der Regierungsbeteiligung, und kurz darauf mit der Corona-Krise. Es ist eigentlich zu wenig, darauf zu verweisen, dass Türkis-Grün eine bessere Alternative darstelle als Türkis-Blau. Man hat den Eindruck dieses Argument dient als Rechtfertigung für alles. Aber man verkauft sich gut, und versteht, das inhaltliche Manko gut zu überspielen. Eine Weile wird das, inbesondere solange Corona aktuell ist, gut gehen. Nichts desto trotz muss man kritisch die Frage stellen, wie man beispielsweise mit einem FPÖ-Minister umgegangen wäre, hätte dieser ein Fake-Law nach dem nächsten fabriziert. Was dem Nicht-Experten auf den ersten Blick nicht so leicht auffällt, ist, dass die Grünen auf sachlicher Ebene verhältnismäßig schlecht performen. Wo sie jedoch gut sind, ist, ihren Wählerinnen und Wählern ein gutes Gefühl zu geben, und das entscheidet bekanntlich primär über Beliebtheitswerte und Wahlausgänge. Exemplarisches Paradebeispiel dafür ist Gesundheitsminister Anschober.



Norbert Hofer, FPÖ

Etwas unangenehm in diesem Gespräch war, dass Simone Stribl mit einer Reihe von vorbereiteten Fragen ihren Gesprächspartner offenbar von der Impfpflicht überzeugen wollte. Die FPÖ hat nicht ungeschickt und absolut gerechtfertigt in den ersten Corona-Monaten bei manchen Themen auf alternative Sichtweisen hingewiesen. In der Opposition waren sie schon immer talentiert, wenn es darum geht Gegenpositionen einzunehmen. Durch die Tunnelblicksichtweise der Regierung taten sich Freiräume auf. Medial war es aber in den letzten Monate für alle Menschen schwierig durchzukommen, die eine regierungsabweichende Meinung, eine andere Zugangsweise, oder schlicht andere Werte hatten - dabei war es egal ob diese Menschen seriös oder populistisch waren. Stribl versuchte jedenfalls Hofer das eine oder andere Mal in die Ecke zu treiben. Hofer ist aber mittlerweile vollkommen abgebrüht. Er hat so viel gesehen, man bringt ihn nicht mehr ins Schwitzen. Um Hofer auf Augenhöhe herauszufordern, muss man in punkto Professionalität auf seiner Augenhöhe sein. Und er nutzte die Bühne des Gesprächs um bereits jetzt für 2022 mit Anschober seinen Stichwahltraumkontrahenten zu supporten. Da Anschober in der klassischen Parteispektrumssicht vergleichsweise am Nähesten an Hofers gegenüberliegenden Ende positioniert ist, pusht er ihn gezielt und handwerklich geschickt. Für die Hofburg wird es aber wohl trotzdem nicht reichen. Zu isoliert ist seine Partei.



Pamela Joy Rendi-Wagner, SPÖ

Rendi-Wagner ist schlicht weg in einer Zwickmühle. Mit der SPÖ ist einfach nichts zu holen. Es ist ein bekanntes systemimmanentes Problem ihrer Partei, wo man sich gegenseitig fortwährend auf die Füße steigt. Und als Quereinsteigerin sitzt sie so wie so nicht fest im Sattel. Noch dazu als damalige Wunschnachfolgerin ihres Vorgängers Christian Kern, dessen Abgang vor zwei Jahren nochmals verdeutlichte, dass bei ihm die eigene Karriere zuallerobererst steht. Ein Typ Mensch, der in roten Wäherkreisen besonders unbeliebt ist. Ist es bei Rendi-Wagner viel anders? Ihr größtes Asset ist de facto, dass sie eine Frau ist. Die Symbolkraft stärkt ihr den Rücken. Und ein Stück weit die Mitgliederbefragung vor wenigen Monaten. Das war für sie ein richtiger Schritt, der ihr zumindest eine gewisse Zeit zum Verschnaufen gibt, verbunden damit, dass Doskozil sich nach wie vor gesundheitlich erholt. Aber selbst bei der kommenden Wien-Wahl wird sie keine Lorbeeren einheimsen können - unabhängig vom Resultat von Ludwig. Und ein großes Problem ist: Sie hat an Authentizität leider wenig dazugewonnen. So unecht als Frontperson, das funktioniert nur mehr in SPÖ-Wählerkreisen. Aber selbst hier ist es problematisch. Der klassische WählerInnen-Austausch mit den Grünen spielt ihnen mittelfristig nicht in die Karten. Im Herbst wird die SPÖ in Wien vielleicht einen relativen Erfolg einfahren, sie bleibt aber eine Baustelle.



Sebastian Kurz, ÖVP

Das Gespräch mit Sebastian Kurz war unterm Strich eigentlich sehr langweilig und zäh. Es waren de facto keine neue Information dabei. Zuerst kaute man mittlerweile veraltete Corona-Themen durch, und danach kam mehrmals der Verweis auf baldige neue Ankündigungen ohne Konkretes zu nennen. Puh. Fragwürdig ist zudem, wie leicht man Politiker mit Gesagtem oft davonkommen lässt. Sebastian Kurz inszeniert sich als allwissende Instanz, die immer die richtige Entscheidung trifft, und man lässt es ihm durchgehen. Aus Journalistensicht erwarte ich mich hier ehrlich gesagt wesentlich mehr. Die Ehrfurcht vor dem Kanzler scheint groß. Diese ist in einer Demokratie unberechtigt. Man kann trotz Fragen, die nicht nur an der Oberfläche kratzen, respektvoll bleiben und sein, und versuchen Zusatzinfos einzuholen. Stribl zeigte zu wenig Mut, und es gab zu wenige Fragen nach dem Wie, dem Warum und mehr. Kein ordentliches Nachhaken. Das ist schlicht zu wenig. Mehr wäre möglich. Wenn schon der Bundeskanzler während einer der größten Krisen der letzten Jahrzehnte fast eine Stunde am Tisch sitzt, dann will ich als Zuseher Mehrwert. Der fehlte völlig.



Simone Stribl, Interviewerin

Simone Stribl war aus meiner Sicht passabel bis gut, aber leider nicht mehr. Im Vergleich zu Tobias Pötzelsberger fällt sie massiv ab. Obwohl Pötzelsberger mit 37 Jahren nicht mehr so jung ist, wie er aussieht, so ist er aus meiner Sicht der Top-Mann im ORF für die Zukunft. Man kann eigentlich nur hoffen, dass er bald in die ZIB 2 wechselt. Er ist topinformiert, und zieht auch kurzfristig die richtigen Schlüsse um Nachhaken zu können. Hier hat Simone Stribl Nachholbedarf. Manchmal fällt bei ihr in heiklen Situationen die Spannung ab, und sie weicht in ein Verlegenheitslächeln aus, wo dann leider keine Nachfragen mehr kommen. Ausgerechnet an den brisanten Stellen. Das ist für den Zuseher und die Zuseherin natürlich schade. Für die Sommergespräche war das ok. Wenn es richtig zur Sache geht, wäre es aber wünschenswert, wieder die allererste Reihe zu sehen.



Peter Filzmaier, Analyst und Kommentator, ZIB 2

Peter Filzmaier war in gewohnt trockenem Stil klar, korrekt und kompetent. Er weiß einfach was gespielt wird, und weiß gleichsam, wie tiefgehend eine Analyse im TV sein darf. Er schafft perfekt den Spagat aus Zusatzinfo und nicht zu detailverliebt. Noch dazu sprachlich in einem Stil, der in der heutigen Zeit wohltuend ist. Trotz aus der Mode gekommenen Schachtelsätzen behält man auch als Zuseher den Überblick. Filzmaier hat es geschafft eine Marke zu werden und seriös zu bleiben. Das schaffen nur wenige, und auch diesmal hat er sein Image perfekt erfüllt. Chapeau!



Ingrid Turnher, Sommernachgespräche ORF III Gastgeberin

Rein von der Kompetenz her brachtet wäre sie wahrscheinlich die weibliche Idealbesetzung für die Sommergespräche. Turnher bei vergleichsweise geringem Publikum nur im dritten Kanal zu erleben tut etwas weh, aber zumindest stimmt die Qualität auf diesem Sender. Natürlich wäre auch hier noch viel Luft nach oben, aber mehr kann man vermutlich unter den vorherrschenden Strukturen nicht erwarten. Als Politikberater muss ich sagen, ihre Sendungen (auch andere Formate) sind mit die einzigen, wo ich für mich persönlich sage, da ist die Zeit auf TV-Ebene gut investiert. ORF III ist in Bezug auf Politik der Sender für die Insider.



Tatjana Lackner, Kommunikationsexpertin

Lackner ist eine Expertin in Ihrem Fach, und brachte gute Impulse. Was jedoch aus Zusehersicht störend war, war ihr Zu-Sehr-Bemüht-Sein. Für eine Kommunikationsexpertin in gediegener Runde unterbrach Sie unglaublich oft andere Gesprächsteilnehmer, was in ihrer Rolle einfach nicht stimmig ist. Ihre Inszenierung wirkt zudem ein bisschen zu aufgesetzt. Zu viel Show für echte Authentizität. Aber bei dem Einheitsbrei den man sonst meist präsentiert bekommt, sticht man da trotzdem heraus. Als Frau nutzt Sie auch die modischen Möglichkeiten ihres Geschlechts aus. Als Accessoires hat Sie sogar Taferl mit. Die wurden zwar manchmal etwas zu penetrant präsentiert, aber mit Taferl bleibt mehr des Transportierten hängen. In dem Sinn würde ich sagen: Gut gelungen, man darf sich auch etwas trauen, selbst wenn dabei kleinere Fehler passieren.



Jeweils parteinahestehende Experten/Berater

Hier war der Mehrwert zu Hause. Die den Parteien nahestehenden Experten und Berater gaben sich sachlich, ohne großartige Parteibrille, und erläuterten fast immer schlüssig aus Sicht der Parteien. Das war gut. Hier sieht man, dass natürlich hinter allem Strategie steckt. Was passiert, was gesagt wird, und wie man sich präsentiert ist kein Zufall. Hier gibt es langfristige Ausrichtungen. Manchmal gab es sogar rudimentäre Ansätze von tieferen Einblicken. Jedenfalls immer wurde bei Vorwürfen erläutert, warum sich diverse Sachverhalte darstellen, wie sie sich darstellen. Das waren gelungene Besetzungen!



Bekannte bis Semi-Bekannte Person, meist ohne direkte politische Expertise

Diese Position war sicherlich eine, die man sich sparen hätte können. Hierbei geht es offenbar um den Entertainmentfaktor bzw. ist die entsprechende Person jeweils wohl indirekt ein Stück weit Repräsentant des eher durchschnittlich informierten Zusehers und Zuseherin in der Diskussionsrunde. Geglückte Wortmeldungen waren hier eher Glückstreffer. Zumindest wertete deren Existenz, den Status der anderen auf. Politik ist zwar für jedermann und jederfrau, aber auch der Tischler weiß, dass der Lehrbub im ersten Lehrjahr kein Geselle oder gar Meister ist. Wobei die eingeladenen Person meist sogar eher Hobbytischlern entsprachen. Kurz: Für den Stammtischtalk gehe ich zum Stammtisch und nicht auf ORF III.



ORF-Experte (meist Hans Bürger)

Bei Hans Bürger fragt man sich, warum er offensichtlich degradiert wurde. Gerade im ersten Halbjahr hat man auffällig oft auf den Hauptsendern andere Personen gesehen. Ich würde vermuten, dass dahinter politische Motivationen stecken. Hans Bürger ist aus meiner Sicht jedenfalls sicherlich einer der qualifiziertesten Personen im Politikbereich des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Gerade im Austausch mit den Beratern der jeweiligen Parteien hatte das Gesprochene einen Sinn und bot einen Mehrwert, der sonst in der Sendungskette Sommergespräch - ZIB 2 Analyse - Sommernachgespräch Seltenheitswert hatte.




Fazit: Die Sommergespräche als etwas zu leicht verdauliche Sommerlochkost, und in Anbetracht der hochinteressanten Corona-Zeiten mit nicht voll genutztem Potential. Dann aber doch nennenswerte und zahlreiche Lichtblicke in der ZIB 2 und auf ORF III in den Sommernachgesprächen, die ein Stück weit die erreichbare Meßlatte des Formats definieren könnten.

Inhaltlich fehlten bei den Parteichefs fast durch die Bank die Zukunftsperspektiven. Gerade mit der Corona-Zeit, und den Hand in Hand gehenden sich abzeichnenden gesellschaftlichen Entwicklungen, wären gerade diese aber gefragter denn je. Was wird die Zukunft bringen und wie sollen wir sie gestalten?